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Dienstag, 17. Juli 2012

Männchen malen

Als Mutter eines Kindes, dem auf Grund der Diagnose"Down-Syndrom" das Urteil "geistig behindert" anhaftet, werde ich sehr oft überrascht von der Wahrnehmungs- und Abstraktionsfähigkeit meiner Tochter. Ja, tatsächlich! Obwohl ich ja weiß, dass Sie ein ziemlich fixes Mädel ist, und ich die allgemeine Definition von "geistig behindert" sowieso sehr fragwürdig finde, so bringt sie manchmal Sachen, die ganz deutlich zeigen, dass sie ihre ganz eigene und intensive Art hat, wahrzunehmen und intellektuell zu reflektieren - und zwar mit beeindruckendem Ergebnis. Kürzlich hatten wir im Kindergarten zwei Pädagoginnen zu Besuch, um Malins Förderplan zu besprechen. Die Damen haben sich mit Malin beschäftigt und waren auch sehr angetan und zufrieden mit ihr. Sie stellten fest, dass sie vieles altersentsprechend kann und manches eben noch nicht, darunter das "Männchen malen" - bzw. das "standardisierte Männchen malen" - wie ich es jetzt nenne...
Die Tage nun saß ich neben Malin. Sie hatte ein Blatt vor sich und eine Wachskreide. Als ich zu ihr hinüberschaute malte sie gerade einen Kreis. Ich fragte sie ob sie ein Männchen male, worauf sie zwei Punkte in den Kreis setzte - kaum erkennbar - und sagte "Auge, Auge", noch einen Punkt machte, "Nase" sagte und dann einen Strich malte, den sie als "Mund" bezeichnete.
Fertig war sie aber noch nicht, denn sie setzte noch zwei Querstriche über den Augen hinzu. Daraufhin schaute ich sie wohl fragend an, denn sie erklärte mir - nicht mit Worten, aber mit ihrer Mimik - dass das Männchen traurig, enttäuscht, sorgenvoll oder unwohl ist - eben die Stirn runzelt.


Man muss wohl lange suchen, bis man ein fünfjähriges Kind findet, dass seinen Männchen Falten malt ;-)
Ich war also ziemlich beeindruckt und habe ein weiteres Mal erfahren, dass man dieses Kind nicht mit standardisierten Maßen messen sollte!!!

Dienstag, 5. Juni 2012

Geschwisterliebe mit Handicap?

Ich glaube nicht, dass die Geschwisterbeziehung meiner beiden Kinder unter einem schlechteren Stern steht, als eine gewöhnliche, nur weil Malin das Down-Syndrom hat. Die beiden haben sehr viel Spaß miteinander. Natürlich gibt es ab und zu die üblichen Rangeleien unter Geschwistern, aber in der Regel sind sie ein Herz und eine Seele, halten dick zusammen und verschwören sich schon mal gemeinsam gegen ihre armen Eltern ;-)  Ich frage mich oft, ob mein Sohn in irgendeiner Form zurückstehen muss. Aber wenn ich darüber nachdenke, sehe ich auch gleichzeitig, dass sich diese Frage auch in Bezug auf Malin stellen lässt. Also halte ich meine Augen offen und gebe mir Mühe, die Bedürfnisse beider meiner Kinder zu erkennen und ihnen beiden gerecht zu werden. Das ist ein Spagat, der immer schwierig ist, egal ob ein "Handicap" beteiligt ist, oder nicht. Aber beide Kinder nehmen sich einfach den Raum, den sie brauchen. Wenn jemand zu kurz kommt, dann ist es eher die Mama ;-)


Vielleicht könnte es sein, dass mir, als Mutter eines "besonderen" Kindes, manches bewusster ist, und ich näher dran bin an meinen Kindern, als Mütter mit "unverdächtigem" Nachwuchs? Fast sicher bin ich mir, dass durch unseren "besonderen" Familienstatus, gerade für Malins Bruder, eine wunderbare Chance besteht, dass er zu einem gefestigten, lebensklugen und herzensgebildeten Menschen heranreift. Er wird vieles erleben, beobachten und reflektieren, was anderen Gleichaltrigen verschlossen bleibt, und so seine eigenen Werte herausbilden und die Fähigkeit erlernen, selbst zu denken und für einen Standpunkt einzustehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man diese Eigenschaften nachhaltig nur durch eine Lebensschule erwirbt


Wir Mütter glauben ja oft, wir müssten alle Gefahren, die körperliche und seelische Verletzungen verursachen könnten, von unseren Kindern fernhalten. Theoretisch wissen wir meist, dass das nicht sinnvoll ist, aber in der Praxis ist es eher schwer, darauf zu vertrauen, dass unser Kind keinen Schaden nimmt, sondern dass es wahrscheinlich sogar gestärkt und reifer als zuvor aus einer Sache hervorgehen wird.
Möglicherweise ist es für mich als Mutter sogar schmerzvoller als für meinen Sohn, wenn ich z.B. mitbekomme, dass Malin, bzw. ihre "Besonderheit", dazu missbraucht wurde, ihrem Bruder "eins auszuwischen".
Glücklicherweise kam das bisher selten vor, und glücklicherweise habe ich davon erfahren, so konnte ich ihm einen Weg zeigen, damit umzugehen. Aber es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, und ich werde solche Vorfälle nicht mehr erfahren, weil er sie, wenn er älter wird, mit sich allein wird ausmachen wollen. Ich hoffe sehr, er hat bis dahin gelernt, auf wen oder was er vertrauen kann.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Malins 5. Geburtstag

Malin ist nun 5!

Das heißt, wir leben nun schon seit fünf Jahren als "besondere" Familie - als Familie mit einem "behinderten" Kind. Das Wort "Behinderung" zieht nur langsam in unsere Begriffswelt ein, denn für uns ist Malin immer noch ein ganz normales Kind, dass zwar für vieles länger braucht, aber sicherlich nicht langsam ist. Das klingt absurd, und das ist es auch. So ist denn auch das Widersprüchliche zu meinem stetigen Begleiter geworden: Mein Kind ist normal - und auch wieder nicht. Es ist wie alle anderen - und auch wieder nicht. Manchmal läßt mich meine Tochter verzweifeln, und doch ist sie gleichzeitig eine Kraftquelle, die ihresgleichen sucht.
Das Leben ist ein noch größeres Mysterium für mich geworden, seit Malin auf der Welt ist, obwohl ich mehr weiß, sehe und verstehe als je zuvor. Aber genau dass ist es auch, was es manchmal so schwer für mich macht. Ich weiß Dinge, die andere nicht wissen können, und ich muss mich mit Manchem auseinandersetzen, dem andere mit Ignoranz begegnen. Dieses Unverständnis tut weh. Besonders, wenn es von Menschen kommt, von denen man glaubt, dass sie einem nahe stehen, und man mehr erwartet hat. 
Aber wenn ich das hier beklage, darf ich auch nicht vergessen zu erwähnen, wieviel Verständnis und Interesse uns von so vielen Seiten fast täglich begegnet. Die besonderen Menschen, die ich seit Malins Geburt kennenlernen durfte, auf eine Art und Weise, und in einer Intensität, die es ohne Malin nie gegeben hätte. Ich sage oft, Malin ist wie ein "Sesam öffne dich". Wenn uns ein Mensch mit goldenem Herzen begegnet, so öffnet sich durch Malin eine Tür, und das goldene Herz wird sichtbar. Das passiert einfach so, oft auch bei kurzen Begegnungen. Es ist ein echtes Geschenk, für das ich meiner Tochter unendlich dankbar bin. Wie ich überhaupt so dankbar bin, daß das Leben mir ausgerechnet dieses Kind geschenkt hat, denn es ist wunderbar. Malin, wir alle lieben Dich!!!

Die Bilder zeigen unser Geburtstagskind im Kindergarten. Malin und Kitafreund Lasse staunten nicht schlecht über den Kuchen: ein Zirkuszelt aus Bisquit und Erdbeersahne.


Aber auch die Geburtstagskrone war Malin wieder besonders wichtig. Am liebsten hätte sie sie auch zum Schlafengehen nicht abgesetzt.

 
... natürlich wurde auch noch zu Hause gefeiert mit bunten Muffins und einem anschließenden Ausflug ins Fahrradgeschäft, denn dieses Jahr sollte es zum Geburtstag auch ein kleines Fahrrad geben - neben ein paar anderen kleinen Geschenken :-)




Mittwoch, 2. Mai 2012

Warum der Blog heißt, wie er heißt...

"Malin bringt die Welt in Ordnung"

Wahrscheinlich ist den meisten von Euch die Anlehnung unseres Blog-Titels an die Erzählung "Michel bringt die Welt in Ordnung" von Astrid Lindgren nicht entgangen.

Einmal davon abgesehen, dass die ganze Familie sowohl die Bücher, als auch die Verfilmungen von "Michel von Lönneberga" liebt, haben Malins Papa und ich ganz allgemein eine besondere Affinität zu Schweden und zu den anderen skandinavischen Ländern. "Malin" ist ein schwedischer Name. Der große Bruder trägt ebenfalls einen nordischen Namen, und im Kindergarten wird Malin ab und zu mit "unsere Micheline" betitelt, in Anlehnung an Michel von Lönneberga: zum einen, weil sie fast genauso blond ist, und zum anderen - das ist jetzt schwer zu erraten ;-) - weil sie mindestens genauso viel Unfug macht.

Und dann ist es aber auch wirklich so: Malin bringt die Welt in Ordnung, auf vielerlei Art und Weise:

Schon im Alltag, wenn sie mich mal wieder auf die Palme gebracht hat mit irgendwelchen Chaos-Aktionen, dann holt sie mich mit Hilfe ihres Charmes auch ganz schnell wieder herunter. Man kann ihr wirklich nicht lange böse sein.

Durch Malin haben sich Prioritäten verschoben. Als Mutter eines "besonderen" Kindes beobachtet man sehr sensibel seine Umwelt und seine Mitmenschen. Ich meine, vieles schneller zu durchschauen, und ich ziehe auch schneller Konsequenzen, wenn ich erkenne, dass mir oder uns etwas oder jemand nicht gut tut. Früher habe ich viel zu oft und lange versucht, es Menschen recht zu machen, die mir überhaupt nicht nahestanden. Malin hat mir das (nahezu) abgewöhnt. Und trotzdem stehen wir nicht mit weniger da. Seit Malin da ist, hat sich der Kreis unserer lieben Bekannten eher vergrößert!

Und rückblickend auf die letzten fünf Jahre, seit Malins Geburt, stelle ich fest: dieses hübsche kleine Mädchen hat es uns sehr leicht gemacht, dass wir uns in sie verliebten, täglich aufs neue, in dieses Kind mit Down-Syndrom. Die Welt geriet aus den Angeln, als wir die Diagnose erfuhren, aber Malin selbst hat sie wieder in Ordnung gebracht mit ihrer Lebensfreude, mit ihrer Liebe und mit irgendeinem besonderen Zauber... :-)